Ich habe Auszüge vom STG-Stadtmarketing aus dem "Zachrias-Archiv" kopiert, weil ich glaube, einige Dinge sind den (Neu-)Brandenburgern nicht bekannt.
Zacharias Archiv ZACHARIAS N°19 Sommer 2009
Brandenburger Originale
Altes Krankenhaus
Wer heute diese wunderschöne Bibliothek sieht, mag nicht glauben, dass dies bis 1902 (???) das Krankenhaus der Stadt war, bevor ein prachtvoller Neubau am Hang des Marienberges diese Funktion übernahm. Hier starb 1901, und das wollen viele nicht glauben, der arme Friedrich "Fritze" Bollmann. An Krebs ist der dürre Barbier zugrunde gegangen, im auch für damalige Verhältnisse noch frühen Alter von 49 Jahren. Aber er soll doch im Beetzsee ersoffen sein, wenden Touristen dann immer wieder ein. Das ist erfunden. Die Wirklichkeit ist eben oft profaner.
Altstädtisches Rathaus
Eine erst 2007 in Umlauf gebrachte Legende sagt: Zur 12. Stunde tags und nachts erklingt von der Stundenglocke oben im Rathausturm ein zarter 13. Schlag. Wer genau hinsieht und es sehen will, erblickt da oben ein freundliches Gesicht mit schelmischem Lächeln. Das ist der Türmer Jörg Hönicke. Allein seinem unermütlichen Ringen ist es zu verdanken, dass die Stundenglocke nach 60 Jahren wieder an ihren Platz zurückgekehrt ist. Das Traurige ist: Jörg Hönicke ist 2007 wenige Wochen vor dieser Rückkehr viel zu jung gestorben.
Mühlentorstraße 17A
Das Haus ist vor wenigen Jahrzehnten verschwunden, die Erinnerungen sind geblieben. Hier lebte die vielköpfige Familie Bollmann, hier hatte der Barbier von 1882 bis 1896 sein Geschäft. An dieser Adresse spielten sich die Szenen ab, die sich ins Bewußtsein der Brandenburger eingebrannt haben. Vorlaute Rotznasen haben den Frisör mit "Fritze Bollmann"-Rufen solange geneckt, bis dieser wutentbrannt mit dem Rasiermesser aus dem Laden gerannt kam und den Bälgern nachsetzte. Dabei spritzte er den Kindern den Rasierschaum nach, was die Gören nur ermutigte, noch frecher und dreister zu sein.
Homeyenbrücke
Am Beetzseeufer stehen zwei Villen, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Wasserstraßenamt und seine Beschäftigten beherbergte. Robert Fredrich (1901-1965), auch als Pegel-Robert bekannt, war dabei. Obwohl es nicht seine Aufgabe war, verstand er es, alles mögliche zu organisieren. Mit Fahrrad und Aktentasche an der Stange verrichtete Pegel-Robert seine Dienstfahrten zu den Wehren. Kehrte er abends zurück ins Amt, hatte er stets die Tasche voll, sei es mit Wurst, mit Gemüse oder anderem mehr. Im Amt fragte keiner, woher er die Sachen hatte. Alle waren froh, dass Pegel-Robert als alter Brandenburger über beste Kontakte verfügte.
Himmelbrücke
So, so, in den Beetzsee soll Fritze Bollmann also gefallen sein. Das haben jedenfalls die Spottvers-Poeten on die Welt gesetzt. Bollmann selbst erzählte es anders. Beim Angeln ist er tatsächlich einmal ins Wasser gefallen, was schon mal vorkommen soll. Nur hat Bollmann dieses nasse Erlebnis tagsdrauf einem Kunden erzählt und der hat nichts anderes zu tun, als die Story weiterzutratschen. Darüber müssen sich die pöbelnden Blagen mächtig gefreut haben. Wohl weil im Vers Beetzsee schöner klingt als Domstreng, wie Bollmann Fallgewässer heißt, hat man das Malheur eben im Beetzsee verortet.
Dom-Durchgang
August Voß (1808-1888) war ein Mädchen für alles. Er verdiente sein Geld als Polizist, Bote, Schulpförtner, Amtsdiener, Straßenfeger, Heizer, Nachtwächter und so manches mehr. Die Pförtnerwohnung befand sich zu Voß' Zeit vis-à-vis dem Eingang zum Domcafé. Überliefert ist von ihm, dass er auf recht merkwürdige Weise ein großes rotes Taschentuch um sein Kopf zu knoten verstand, um sich im Winter zu wärmen. Jedenfalls ragten die beiden Enden dergestalt in die Höh', dass die allgegenwärtigen Spottvers-Gröler in ihm einen Esel sahen. Und so erzürnten sie den guten Mann immer fort mit "Iah"-Rufen.
Witwe Bollmann
Da steht sie nun vor Architekt Krekelers Himmbeerschnitte und schaut versonnen in die Gegend - die Galathea. Einst geschaffen in Italien Mitte des 17. Jahrhundert ist sie mit ihren Tritonen und einem Delfin für billiges Inflationsgeld 1922 nach Brandenburg gekauft worden. Die Stadt stellte die Tritonengruppe erst am Grillendamm auf, mit Blick auf den Beetzsee. Und da dort ja Fritze Bollmann ersoffen sein soll, hatte die griechische Wasserschönheit ratzfatz ihren Spitznamen weg. Fortan hieß sie nur noch Witwe Bollmann. Natürlich bekam sie auch ihre Strophen und die kann man nach der gleichen Bollmann-Melodie trällern.
Hauptpegel
Der Hauptpegel, der den Wasserstand der Ober- und der Unterhavel zeigt, lag stets auf Pegel-Roberts Touren. Per Fahrrad klapperte der Mitarbeiter des Wasserstraßenamtes die Wehre zwischen Krakauer Vorstadt und Neuschmerzke ab und sah nach dem rechten. Am Hauptpegel musste er jede Woche den Papierbogen mit den Aufzeichnungen austauschen und die Tinte im mechanischen Schreiber nachfüllen. Es ist in der Stadt die Behauptung unterwegs, dass Pegel-Robert in der nahen Dom-Apotheke (Domlinden 4) stets sein Schnäpschen bekommen hat, wenn er des Weges kam.
Mühlentorturm
Jörg Hönicke (1942-2007) war ein fürwahr schräger Vogel. Irgendwann entdeckte er die vergessene Dienstleistung der Türmerei, erklärte sich zum "Türmer von Brandenburg" und blies bei zig Gelegenheiten mit einer Tute hochdroben ins Horn. Nun gut, dank elektrischen Rauchmeldern und anderen Errungenschaften braucht die Stadt Brandenburg heute keinen mehr, der vom Turm aus über Häuser und Menschen wacht. Doch hat Hönicke auf seine schrullige Art beigetragen, die Erinnerung an diesen Beruf zu wecken. Von allen Türmen, so sagte er einmal, war ihm der Mühlentorturm der liebste.
Brandenburger Bank
Die Brandenburger nehmen gerne einen zur Brust und sie tragen auch gern Geschichten über Menschen weiter, die dem Alkohol durchaus gewogen waren. Der Dom-Voß soll so einer gewesen sein. Die Kunde geht, dass er regelmäßig zum Kaufmann Giebe auf dem Neustädtischen Markt 11 gewackelt ist, um sich zwei oder mehr Kümmel zu genehmigen. Sobald die Wirtschaft betrat, schallte ihm ein freundliches "Na, mein lieber Voß, wie geht's denn?" entgegen. Voß konterte pikiert: "Mein Name ist Herr Voß und sonst geht's mir gut." Der Volksmund will auch wissen, dass man Erwachsene den braven Dom-Voß mit einer krachenden Feuerwerks-Zigarre gefoppt haben.
Katharinenkirchplatz
Otto Paul wusste: Das Fahrrad war nach dem Zweitem Weltkrieg ein unersetzliches Fortbewegungsmittel. Um es vor Dieben zu schützen, bot "Fahrrad-Paule" Hilfe an. Der schmächtige Mann um die 55 spannte jeden Morgen an der Katharinenkirche eine Leine und klappte Holzständer auf. Für einen Groschen am Tager das Rad im Blick.
Abtstrasse 20
Was wäre Fritze Bollamnn ohne Friedrich Hollerbaum? Vermutlich wäre er ein wenig bekannter Frisör geblieben. Hollerbaum der um 1900 in der Abtstrasse 20 lebte, war es der in den 90er Jahren des 19 Jahrhunderts die ersten vier Spotverse auf einer Ansichtskarte massenhaft vertrieb.
St. Johanniskirche
Viele Schlachten hatte General Heinrich August de la Motte Fouqué (1698-1774) für seinen König Friedrich ll., geschlagen. Der Haudegen ist auf seine alten Tage wunderlich geworden. Als der General sein nahes Ende spürte, plannt er seinen Abschied. Er bestellte einen Sarg, kleidete sich würdevoll und übte seine eigene Trauerfeier. Die Diener mussten die passenden Lieder abstimmen. Ob die Beisetzung des Leichnams in der Johanniskirche dieser Regieanweisung folgte, ist nicht überliefert.
Kurstraße 32
Wilhelm Jolly war ein echter Buh-Mann. Der Polizei-Sergeant sorgte Mitte des 19. Jahrhunderts in der Neustadt für Ruhe und Ordnung und somit dafür, dass das Gebaren ungezogener Rotzlöffel Grenzen kannte. Es ist überliefert, dass die Kinder Wachtmeister Jolly fürchteten. »Rettet euch, Jolly kommt«, riefen sie, wenn er nahte. Dann stakste Jolly auf seinen langen Beinen hinterher, was wiederum die Erwachsenen amüsierte. Eltern bedienten sich gern seiner Autorität. Dem Nachwuchs drohten sie, Jolly zu holen, wenn sie nicht spurten.
Pauliwinkel
Gustav Lennecke kam aus ärmlichen Verhältnissen in der Petersilienstraße, er starb in einer dürftigen Behausung, am Temnitz 25 im Spiritushospital. Das Fachwerkhaus gehörte bis zur Zerstörung im Krieg zu den beliebten Fotomotiven. Der Blick in den Pauli winkel, ein fürwahr romantischer, sagte aber nichts über die wahren Zustände.
Der Barbier Fritze Bollmann
Johann Andreas Friedrich "Fritze" Bollmann, geboren 1852 bei Magdeburg, kam 1875 nach Brandenburg, rasierte und frisierte, wurde nicht reich, aber berühmt, und zwar gegen seinen erklärten Willen. Dabei hat der Mann nichts weiter getan, als sich über die Spötteleien der Rotznasen tüchtig aufzuregen und ihnen Rasierschaum hinterher zu spritzen. Was die Bengels natürlich zu weiteren Spottversen anstachelte. Solche Bosheiten sind nichts besonderes, dieses Schicksal teilen unzählige Menschen. Dass aus dem Frisör ein Brandenburger Original wurde, geht auf das Konto eines Liedes mit simplen Versen und eines Kaufmanns, der vier dieser Verse auf Ansichtskarten druckte und bestens verkaufte. Friedrich Hollerbaum hieß der Mann, ohne den Fritze Bollmann wohl nie so legendär geworden wäre. Im Gegensatz zu anderen Leuten, die wirklich besonders oder skurril waren, wurde Bollmann zum Original gemacht. In den Versen lässt man ihn im Beetzsee ersaufen. Dass er 1901 an Krebs gestorben ist, passte wohl nicht ins Bild. Der 1924 geschaffene Brunnen zeigt Bollmann mit der Angel. Ein 2000 aufgetauchtes Foto des Barbiers belegt, dass der Bildhauer tatsächlich Bollmann vor Augen hatte, als er im Auftrag der Stadt einen Anglerbrunnen schuf. Weil das alles nicht genügte, dichtete ihm der Brandenburger Volksmund auch noch die Trunksucht an den Hals. Bollmann hat sich gerichtlich gegen Hollerbaums Postkarten gewehrt – und gewonnen. Aber nur den Prozess. Die Brandenburger nehmen ihn, wie sie ihn wollen, und die Tourist für bare Münze, was um den Bollmann-Brunnen in der Hauptstraße geschrieben steht.
Vater Lennecke
1820 in der Petersilienstraße geboren, kam er aus den ärmlichen Verhältnissen nicht heraus, verstand es aber, sich durch das Leben zu schlagen – mal als Bote der Stadt oder im Dienst der Katharinengemeinde. Er vertrieb Bibeln und christliche Traktate. Er erfand eine Salbe, mit der er krankes Vieh, Rheuma und andere Gebrechen heilen wollte. Es heißt, das Zeug habe sich als Zahnpasta und Möbelpolitur geeignet. Und er schnorrte, wo er nur konnte. So lud ihn eines Tages eine Förstersfrau an den gedeckten Mittagstisch, bat ihn aber, auf die anderen Gäste zu warten. Als die gute Frau wenig später mit ihrer Familie erschien, hatte Lennecke die Suppenterrine und die Apfelschmusschüssel geleert. Als Lennecke wieder vorbeischaute, rührte die erzürnte Frau gehörig Meerrettich in die Suppe, ließ ihn allein – und linste hinter der Tür. Lennecke löffelte tapfer die Terrine aus. Die Manteltaschen voller Obst und Gemüse kehrte er abends nach Hause, drückte sich aber stets an den Wänden entlang, aus Angst, die Kinder könnten ihn verspotten. Sahen sie ihn, bettelte er: »Bitte, bitte, tut mir nichts zuleide«. Am 10. März 1892 fand man Lennecke tot in seiner Wohnung im Spiritus-Hospital am St. Paulikloster. Er galt als armer Wicht. Doch als man die Habe des Toten inspizierte, tauchten unter der Matratze 40.000 Mark in Münzen und Scheinen auf.
Das Organisationstalent Thürling
Es gibt Leute, die reden viel. Und es gibt welche, die haben auch was zu sagen. Gerhard Thürling, 1922 geboren in der Mühlentorstraße 37, war so einer. Egal, worüber er sprach – immer war die Geschichte eine besondere. Etwa diese: 1960 war er ein Industriespion. Im Dienste des Traktorenwer kes ging er in einem West-Berliner Haushaltswaren- Geschäft auf Er kundung. Er und ein Kollege zeichneten die Konstruktion einer elektrischen Brotschneidemaschine auf ihre Hemdsmanschetten. Daraus entstand im Traktorenwerk das erste Gerät dieser Art in der DDR, was aber ohne Thürlings Organisationstalent nie gelungen wäre. Er holte ran, kungelte, vermittelte kreuz und quer durch die Republik. Das leistete der Mann auch für andere. So hat der Rudersport ihm viel zu verdanken. Nach dem Krieg war er maßgeblich beim Wiederaufbau des Ruderclubs in der Hammerstraße beteiligt. Thürling war 1964 der erste Prinz des Brandenburger Karnevals, der sich nach jahrzehnterlanger Pause neu formierte. Fast wäre all dies nie geschehen und Gerhard Thürling als Soldat in der Hölle von Stalingrad verreckt. Seine kesse Lippe blieb ihm bis zuletzt. 2007 starb er.
Der Turmsturz von St. Katharinen
Das Wunder hat in Brandenburg ein Datum: 30. März 1582. Am frühen Morgen bricht der mächtige Turm der Katharinenkirche ein, reißt vier Glocken und drei Turmpfeiffergesellen in die Tiefe. Das Geläut ist nicht mehr zu gebrauchen. Den drei jungen Männern geschieht kaum etwas. Antonius Stortewein (20), Andreas Drichel (17), Georg Wulff (16) kommen mit leichten Verletzungen davon. Für den Pfarrer, der dies wenige Jahre später niederschrieb, hatte Gott seine segensreiche Hand im Spiel. Noch heute gibt der Turmsturz von St. Katharinen den Menschen Rätsel auf. Wie konnten Menschen dies überleben? 1580 hatte ein schwerer Herbststurm dem Turm ordentlich zugesetzt. Als das Ausmaß des Schadens klar war, bat man den Kurfürsten um finanzielle Hilfe. Der hatte sie kaum bewilligt, da brach das Bauwerk ein. Dass die drei Jungen den Sturz fast heil überstanden, kann eine natürliche Erklärung haben. Die Türmerwohnung über den Glocken war ein hölzernes Gerüst. Sackt der Turm langsam und gleichmäßig in sich zusammen, fährt das Gestell wie ein Fahrstuhlkorb hinab. Die Kirchenchronik betont aber, dass nicht allein die Errettung der Jungs Zeichen genug war, oh nein: es gab auch himmliche Wunderzeichen, heißt es. Viele Brandenburger wollen ein helles Licht oben im Turm gesehen haben, das mit der Spitze heruntergefahren sei. Die Jungs schworen Stein und Bein, sie hätten kein Licht in der Wohnung gehabt. Auch erzählten Fischer, die auf der Havel waren, sie hätten eine dreifache Flamme gesehen. Der Bericht des Pfarrers über das Wunder von St. Katharinen ist übrigens erst lange Zeit später bekannt geworden. 1726 öffnete man den Turmknopf des Katharinenturmes. Darin lagen die Zeilen des Pfarrers.
Und zum Schluß noch ein bebilderter Rat, ganz privat, von mir:
