Literaturempfehlung der Fouqué-Bibliothek
Dienstag, den 02. März 2010 um 08:50 Uhr
von Dipl.-Bibliothekarin Ingeborg Arlt
„Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers.
Eine Schullektüre, wenig beliebt. Mit erneutem Lesen kommt das Erstaunen. Es ist ja gar nicht langweilig! Es ist auch kein sozialistisches Lehrbuch! Es ist zwar informativ und zwar so sehr, dass man, nachdem es 1942 im amerikanischen Exil erstmals erschien, bald eine Sonderausgabe für die US-Army drucken ließ, weil das Buch so gut informierte. Es lehrt zwar auch einiges, Historisches, Psychologisches, ja sogar Religionsphilosophisches, aber so beiläufig, dass man das Lernen gar nicht bemerkt, denn man folgt gespannt dem Verlauf einer Flucht.
Die begann in einem KZ. Sieben Häftlinge sind geflohen. Sieben Kreuze werden für sie errichtet. Die wieder Eingefangenen werden an die Kreuze gehängt. Sechs. Nur das siebte Kreuz bleibt leer. Was dieser siebte Mann auf seiner Flucht erlebt; wie sein Erscheinen für jeden, an den er gerät, zur Prüfung wird; wie knapp immer nur sein Vorsprung ist, macht die Lektüre spannend. Wie die Figuren geschildert werden, wie ihre Handlungen motiviert, macht sie interessant. Und zeitlos! Denn so einen wie den Kommandanten, der seine Macht genießt und nichts so sehr fürchtet wie: dass dieser Genuss ihm wieder entzogen werden könnte, kennt man den nicht? Oder so einen wie seinen jungen Kollegen? Einen Karrieristen, für den ein Problem nicht dazu da ist, es zu lösen, sondern ihm zu erhöhter Aufmerksamkeit zu verhelfen! Oder so einen, der gern jede Arbeit übernimmt, nur nicht die Verantwortung für das, was er tut? Die Autorin legt – in sieben Kapiteln, von denen die für den Gehalt ganz besonders wichtigen auch sieben Abschnitte haben - wie mit einem Schnitt mehrere Schichten der Gesellschaft bloß. Mit Perspektivwechseln und Montagen bedient das Buch sich übrigens jener Erzähltechniken, die von der kommunistischen Kunstdoktrin damals abgelehnt wurden.
Zu entleihen ist es in allen Zweigstellen der Fouqué-Bibliothek.




